Ein Dialog über Theorie und Praxis der Klassenführung – die ehemals beste Lehrperson im Fokus

 

Bianca: Hallo Laura.

 

Laura: Hallo Bianca, wie geht es dir so in der Corona-Zeit?

 

Bianca: Eigentlich ganz gut, aber ich hatte heute einen echt speziellen Traum.

 

Laura: Echt, jetzt bin ich aber gespannt, um was handelt es sich denn?

 

Bianca: In dem Traum war ich wieder 8 Jahre alt und saß im Klassenzimmer. Als die Tür aufging kam ein neuer Lehrer herein. Er war ganz anders als alle Lehrer, die ich bisher kannte.

 

Laura: Was war denn so besonders?

 

Bianca: zum Beispiel der Unterricht… die Themen waren genau auf uns zugeschnitten. Sie waren interessanter gestaltet als andere! Wir mussten nicht nur in den Bänken sitzen, sondern hatten auch viele Praxiseinheiten, in denen wir aktiv mitarbeiten konnten. Zudem war für jeden was dabei… wir wurden alle gefördert und vor allem auch gefordert. Niemand blieb auf der Strecke!

 

Laura: Klingt so, als ob ihm die Schüler*innen ein Anliegen sind.

 

Bianca: Ja genau, das spürt man. Er hatte immer ein offenes Ohr für uns, konnte über eigene Fehler und Versprecher lachen, war geduldig und bevorzugte niemanden. Sein Humor lockerte sogar die langweiligsten Stunden auf, bei denen ich normalerweise sofort abschalte.

 

Laura: Läuft bei so einem Unterricht nicht alles aus dem Ruder? Das klingt zwar nach tollen Stunden für die Schüler*innen, jedoch ist der Lärmpegel in der Klasse bestimmt sehr hoch. Das macht doch keinen Spaß zum Unterrichten.

 

Bianca: Das stimmt schon. Jedoch wusste jede*r von uns, wo die Grenzen sind. Diese hat er auch konsequent beibehalten und im Notfall auch durchaus verständliche Sanktionen ergriffen.

 

Laura: Bei deinen Erzählungen kommt mir ein ehemaliger Lehrer in den Sinn, der genau so unterrichtet hat.

 

Bianca: Echt jetzt? Ich dachte, das gibt es nur im Traum?

 

Laura: Nein, ich weiß es aus eigener Erfahrung. Ich hatte ihn vier Jahre lang im Gymnasium in Biologie. Er hatte auch diese humorvolle Art in der er manch trockenen Unterricht auflockerte. Auch er konnte über seine eigenen Fehler lachen und schaute sogar im Internet nach, wenn er etwas nicht wusste. Ihm war nichts zu peinlich. Er war einfach nur menschlich und zeigte, dass auch er nicht fehlerfrei ist.

 

Bianca: Das klingt ja nach einem Lehrer, den man sich nur wünschen kann. Aber bei der Benotung zeigt sich meist das wahre Gesicht eines Lehrers. War er da auch so fair?

 

Laura: Überraschenderweise schon. Er formulierte die Erwartungen an uns sehr klar und benotete diese dann auch objektiv. In der Klasse bevorzugte bzw. vernachlässigte er keinen von uns, was sich positiv auf die Beziehung zwischen dem Lehrer und den Schüler*innen, als auch auf die Schüler*innen untereinander auswirkte. Es war für jeden klar geschildert, wie es zur jeweiligen Benotung gekommen ist. Aufgrund dessen gab es auch keine negativen Überraschungen am Ende des Semesters. War man mit der eigenen Note nicht zufrieden, konnte jederzeit eine kleine mündliche Prüfung gemacht werden, um diese zu verbessern.

 

Bianca: Das klingt ja wirklich wie in einem Traum! Aber wie war denn sein Biologieunterricht? Habt ihr da auch lauter Theoriewissen aufschreiben und auswendig lernen müssen, wie ich damals?

 

Laura: Um Gottes Willen, nein! Der Unterricht war alles andere als das. Er arbeitete vermutlich nach dem Prinzip “Was man gern macht, macht man gut”, denn er hatte sehr viel Ahnung auf seinem Gebiet und konnte damit sogar demotivierte Schüler*innen mitreißen. Zuerst wollte er immer, dass wir die Theorie verstehen, bevor wir sie einfach nur ins Heft abschreiben. Danach folgte häufig ein praktischer Unterrichtsteil. So wurden die Stunden abwechslungsreich gestaltet.

 

Bianca: Wenn ich mir das so anhöre, dann klingt das ja genauso, wie das, was wir im Linzer Konzept der Klassenführung (Lenske & Mayr, 2015), kennengelernt haben: Der Lehrer sollte demnach ja den Unterricht interessant, fachlich kompetent und abwechslungsreich gestalten. Es sollten viele Methoden verwendet, differenziert und individualisiert werden. Auch bei der Benotung hat er demnach alles richtiggemacht, denn die sollte objektiv und logisch nachvollziehbar sein.

 

Laura: Ja, und dabei wurde auch erwähnt, dass die Lehrperson in der Beziehungsebene einen guten Draht zu den Schülern und Schülerinnen und zudem ein offenes Ohr haben sollte. Seine menschliche Art und die daraus entstehende entspannte Atmosphäre erleichterten den Lernprozess. Lehrer*innen sollen demnach auch nicht jemanden bevorzugen und die Schüler*innen mitbestimmen lassen, was er auch alles erfüllte.

 

Bianca: Stimmt. Und das Thema “Gewaltfreie Kommunikation in der Schule”, das Orth und Fritz (2013) erläutern, hat er auch gut umgesetzt. Er hat vor allem die schützende Macht angewandt. Da fällt mir ein: Beim Sezieren eines Fisches gab es in der Klasse die Diskussion wer dies durchführen darf – Streit und leichtes Schubsen neben den Messern auf dem Tisch sind schon entstanden – da griff er sofort ein und entschied per Los, wer an die Reihe kommt.

 

Laura: Auch die Extrovertiertheit und ihre Bedeutung für den Lehrer*innenberuf, wie sie von Pflanzl & Seethaler (2019) im Buch “Gesund und erfolgreich Schule leben” beschrieben wird, würde auf seine Persönlichkeit passen. Er hatte ein bestimmtes Auftreten und war immer für ein Pausengespräch offen. Dabei war er alles andere als schüchtern und zurückhaltend. Er war aber kein Selbstdarsteller im negativen, sondern im positiven Sinne. Diese Offenheit kam auch bei Exkursionen zum Vorschein – die Unterhaltung mit der Leitung der Exkursion war meist sehr lang und ausführlich.

 

Bianca: Das war jetzt echt interessant. Ich hätte nicht gedacht, dass es so eine Person im wahren Leben auch gibt. Hoffentlich werden wir auch einmal so!

 

 

Literatur:

Lenske, G. & Mayr, J. (2015). Das Linzer Konzept der Klassenführung (LKK). Grundlagen, Prinzipien und Umsetzung in der Lehrerbildung. In Jahrbuch für Allgemeine Didaktik 2015, (S. 71-84). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Pflanzl, B. & Seethaler, E. (2019). Lehrerpersönlichkeit und was wir darüber wissen sollten. In E. Seethaler, S. Giger & W. Buchacher (Hrsg.), Gesund und erfolgreich Schule leben. Praxis und Reflexion für Lehrerinnen und Lehrer (S. 75-81). Bad Heilbrunn: utb Klinkhardt.

Orth, G. & Fritz, H. (2013). Gewaltfreie Kommunikation in der Schule. Wie Wertschätzung gelingen kann. Paderborn: Junfermann.